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Human Excellence

72 Tage, 6 Stunden, 11 Minuten und 14 Sekunden.

09. September 2026Ralf Schollenberger
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Menschen - Alles außer gewöhnlich. Teil 9: Nellie Bly Elizabeth Jane Cochran, besser bekannt unter ihrem Pseudonym Nellie Bly, war eine US-amerikanische Journalistin und Weltreisende. Sie war eine Pionierin des investigativen Journalismus.

Manchmal beginnt eine außergewöhnliche Geschichte mit einem Problem, das zunächst alles andere als außergewöhnlich ist.

Mit der Suche nach Arbeit.

Mit dem Gefühl, dass die eigenen Möglichkeiten begrenzt sind.

Und mit der Erkenntnis, dass andere einem weniger zutrauen, als man selbst bereit ist zu leisten.


So beginnt die Geschichte von Nellie Bly. Eigentlich hieß sie Elizabeth Jane Cochran. Sie war jung, ihre Familie brauchte Geld – und sie suchte in Pittsburgh nach Arbeit. Doch etwas irritierte sie. Ihre Brüder, die teilweise schlechter ausgebildet waren als sie, fanden leichter eine Beschäftigung. Für Elizabeth war das schwer zu akzeptieren. Nicht nur, weil sie arbeiten wollte, sondern weil sie sah, dass Frauen offensichtlich andere Türen vor der Nase zugeschlagen wurden.


„Was soll eine Frau schon machen?“

1884 erschien im Pittsburgh Dispatch eine Kolumne, in der die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen kritisiert wurde. Elizabeth Cochran reagierte. Sie schrieb einen Leserbrief. Keinen wütenden Protest. Sondern einen gut formulierten, argumentativen Brief, in dem sie mehr berufliche Chancen für Frauen forderte – insbesondere für Frauen, die für den Lebensunterhalt ihrer Familien verantwortlich waren. Der Herausgeber der Zeitung, George Madden, war beeindruckt.

So beeindruckt, dass er etwas tat, womit Elizabeth vermutlich selbst nicht gerechnet hatte: Er bot ihr eine Stelle als Reporterin an.


Aus der jungen Frau, die Arbeit suchte, wurde eine Journalistin.

Und aus Elizabeth Cochran wurde wenig später Nellie Bly.


Frauen im Journalismus waren zu dieser Zeit vor allem für Themen vorgesehen, die man für „weiblich“ hielt.

  • Mode.
  • Gesellschaft.
  • Haushalt.
  • Familie.

Nellie Bly hatte andere Vorstellungen. Sie wollte über Menschen schreiben.

Über Armut, Arbeitsbedingungen, Ungerechtigkeit und vor allem wollte sie nicht nur darüber schreiben, was andere ihr erzählten, sie wollte selbst hingehen, sehen, erleben und dann darüber berichten. Das machte sie unbequem. Und genau das machte sie erfolgreich.


Für die New York World von Joseph Pulitzer wagte sie schließlich eine Recherche, die heute kaum vorstellbar ist. Sie wollte herausfinden, wie Frauen in einer psychiatrischen Anstalt tatsächlich behandelt wurden. Also ließ sie sich einweisen.

Sie spielte eine psychisch kranke Frau. Und plötzlich war sie nicht mehr Journalistin, die über die Zustände berichtete. Sie war mittendrin. Zehn Tage verbrachte sie in der Anstalt. Was sie anschließend veröffentlichte, sorgte für großes Aufsehen. Denn Nellie Bly beschrieb nicht das, was sie aus Erzählungen kannte. Sie beschrieb das, was sie selbst erlebt hatte. Ihre Recherche trug dazu bei, dass die Zustände öffentlich diskutiert wurden und Verbesserungen folgten. Vielleicht war das ihre eigentliche Stärke: Sie ging dorthin, wo andere nur hinschauten.


1889 hatte Nellie Bly eine neue Idee. Jules Verne hatte in seinem Roman „In 80 Tagen um die Welt“ beschrieben, wie Phileas Fogg die Erde umrundet.

Nellie Bly fragte: Warum sollte das nicht auch in der Wirklichkeit möglich sein?

Sie schlug der New York World vor, selbst um die Welt zu reisen. Allein. Mit einem kleinen Gepäckstück. Und wieder gab es Zweifel. Eine junge Frau allein auf einer Weltreise? Mit Schiffen und Zügen durch Länder, deren Sprache sie teilweise nicht sprach? Im Jahr 1889? Es erschien vielen schlichtweg zu schwierig. Vielleicht sogar unmöglich. Nellie Bly fuhr trotzdem los. Am 14. November 1889.Und diesmal schrieb sie nicht nur über eine Geschichte. Sie wurde selbst zur Geschichte.


Die Leser der New York World verfolgten ihre Reise. Jede Etappe wurde zum Ereignis. Und am 25. Januar 1890 war sie wieder in New York. Nach:

72 Tagen, 6 Stunden, 11 Minuten und 14 Sekunden.


Sie hatte die Welt umrundet. Schneller, als sie selbst gehofft hatte.


Aber was macht Nellie Bly eigentlich außergewöhnlich?

War es ihre Weltreise?

Ihre journalistische Karriere?

Ihr Mut?

Sicher. Aber vielleicht liegt das Außergewöhnliche noch an einer anderen Stelle.

Ihre Geschichte begann nicht mit einem großen Traum. Sie begann mit einem Leserbrief. Eine junge Frau sah eine Ungerechtigkeit. Sie schrieb darüber. Jemand erkannte ihr Talent. Sie bekam eine Chance und sie nutzte sie.

Dann kam die nächste Gelegenheit.

Und die nächste.

Vielleicht ist das eine interessante Perspektive auf außergewöhnliche Menschen: Sie wissen am Anfang oft selbst noch gar nicht, wohin ihr Weg führt.


Elizabeth Cochran wollte zunächst vor allem arbeiten.

Nellie Bly wollte später gute Geschichten erzählen.


Was wir von Nellie Bly lernen können

Möglicherweise stellen wir uns zu selten die Frage:

„Was würde ich tun, wenn ich mich nicht ständig fragen würde, ob andere es für möglich halten?“


Vielleicht ist es ein beruflicher Schritt.

Eine Idee, die schon lange im Kopf steckt.

Ein Projekt, das niemand versteht.

Ein Gespräch, das längst überfällig ist.

Oder einfach die Entscheidung, nicht mehr automatisch die Rolle zu spielen, die andere für uns vorgesehen haben.

Nellie Bly hatte keine Garantie. Keinen perfekten Plan.

Und vermutlich auch keine Ahnung, was alles passieren würde.

Aber sie hatte etwas anderes:

Neugier, Selbstbewusstsein und den Mut zu handeln.

Vielleicht beginnt das Außergewöhnliche genau dort.


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